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Quelle: Zahnärztliche Mitteilungen,
zm 12/2001, Seite 46
Verhaltensfaktor PatientDie Kunst der Motivierung
Thomas Schneller |
Nicht unerhebliche psychologische Kenntnisse sowie Fingerspitzengefühl
sind notwendig, damit der Zahnarzt seinen Patienten zur Prophylaxe
motivieren kann. Denn schließlich: Auf jeden Menschen muss er
unterschiedlich eingehen, um erfolgreich Verhaltensänderungen
herbeizuführen.
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CaddyCam am Dialogplatz |
Folgende Kenntnisse und Fertigkeiten sind neben den
zahnmedizinischen Grundlagen für eine erfolgreiche
Prophylaxedurchführung in der Zahnarztpraxis notwendig.
- Philosophie und Strategie präventiven Vorgehens
- Kompetenzen der Gesprächs- und Patientenführung
- Kunst der Motivierung
- Methoden der Einstellungs- und Verhaltensänderung
- Kenntnisse der Entwicklungspsychologie
- Kenntnisse gesundheitspsychologischer
Forschungsergebnisse
In diesem Beitrag kann allerdings nur auf die ersten
beiden Punkte eingegangen werden. Zunächst einige Gedanken zur
Philosophie und Strategie präventiven Vorgehens: Die großen Vordenker
der zahnmedizinischen Prophylaxe Axelsson und Lindhe aus Schweden,
Büttner und Marthaler aus der Schweiz, König aus den Niederlanden,
Newbrun, Weinstein und Milgrom in den USA haben Gedankengebäude
entworfen und empirisch-wissenschaftlich erprobt, wie das Ziel der
Mundgesundheit von möglichst vielen Menschen mit möglichst einfachen
Mitteln am besten zu erreichen ist. Ihren Forschungen und ihrem
engagierten Einsatz ist es zu verdanken, dass die Kariesraten weltweit
in den Industrieländern in den letzten 25 bis 35 Jahren drastisch
zurückgingen und dass viele Kinder und Jugendliche heute kariesfrei
aufwachsen.
Die Arbeitsgruppe um Phil Weinstein und Peter Milgrom von der University
of Washington in Seattle begründeten für die Individualprophylaxe den
"oral self care-Ansatz" und grenzten ihn vom Ansatz der "professional
care" ab (Weinstein u.a. 1989). Schon die einfache Übersetzung macht den
grundlegenden Unterschied deutlich: Zum einen soll der Patient sich
"selbst" um seine Vorsorge kümmern, im anderen Fall nimmt der Zahnarzt
dies dem Patienten ab. Im ersten Fall ist die Aufgabe des Praxisteams,
den Patienten zur Selbsthilfe zu befähigen; beim Vorgehen nach dem "professional
care"-Prinzip bleibt der Patient passiv und mit ihm wird etwas gemacht.
Er bleibt in lebenslanger Abhängigkeit vom "professionellen" Angebot
seines Zahnarztes.
Tabelle 1 veranschaulicht die Unterschiede zwischen der "klassischen
Zahnmedizin" und der "präventionsorientierten Zahnheilkunde".
Prophylaxekonzepte, die in erster Linie auf sich regelmäßig
wiederholende "professionelle Zahnreinigungen" gründen, sind eher dem
Muster der klassischen Zahnmedizin zuzuordnen.
Zwei unterschiedliche Ansätze im
Rahmen der Oralpräventation:
"oral self carre" vs. "professional care" |
"professional care"
klassische Zahnarzt-Patient-Beziehung (Zahnarzt aktiv - Patient
passiv)
Zahnarzt entscheidet selbst und bestimmt alles
Patient gilt als unwillig und nicht motivierbar
Team erledigt alles für den Patienten langweilige Aufgabe für ZMP/DH |
"oral self care"
Zahnarzt und Patient sind Partner
Patient wird informiert, aufgeklärt und angehalten, Verantwortung
für seinen Gesundheitszustand selbst zu übernehmen.
Patient erlernt für ihn geeignete Zahnpflegetechniken, die ihn in
die Lage versetzen, weitgehend krankheitsfrei zu bleiben.
spannende Aufgabe für ZA und ZMP; immer neue Patienten zu motivieren
und "bei der Stange" zu halten. |
Das Prophylaxekonzept der Bundeszahnärztekammer (vgl.
IDZ 1998) ist in Übereinstimmung mit der internationalen
Forschungsliteratur (Cohen, Gift 1995, Newbrun 1997, Bratthall u.a.
1998) am "oral self care-Ansatz" ausgerichtet. In der zahnärztlichen
Prophylaxepraxis wird man mit einem Mischkonzept nach dem Motto "Soviel
oral self care wie möglich, so wenig professional care wie nötig" am
besten fahren.
Im folgenden wird auf die Kompetenzen der Gesprächs- und
Patientenführung eingegangen. Die Individualprophylaxe verlangt neben
einer veränderten Zahnarzt-Patient-Beziehung somit auch erweiterte
Fähigkeiten und Fertigkeiten vom Zahnarzt und seinem Prophylaxe-Team.
Das Gespräch mit dem Patienten ist die wichtigste Maßnahme, um ihn für
eine lebenslange zahnmedizinisch-prophylaktische Betreuung gewinnen zu
können. Der Patient verändert seine Verhaltensweisen (Mundpflege,
Ernährung, Fluoridprophylaxe, regelmäßige Zahnarztbesuche) nur, wenn er
deren Nutzen und Gewinn für sich einsieht. Dazu müssen ihm zunächst
Fakten über seinen Gebisszustand, über das Risiko weiterer Erkrankungen
und gesicherte Möglichkeiten der Verhütung nahegebracht werden. Nur wenn
dadurch sein Gesundheitsbewusstsein und seine Einstellungen den eigenen
Symptomen und Risiken sowie den Aufgaben und Möglichkeiten der modernen
Zahnheilkunde gegenüber positiv verändert werden können, wird er fortan
ein guter "oral self care-Patient" sein. Er oder sie übernimmt die
Verantwortung für sich und seine/ihre Kinder und holt sich die
notwendigen Hilfen dazu (präventive Diagnostik, aktuelle Befund- und
Risikorückmeldung, professionelle Zahnnachreinigung, neue
Pflegehinweise) vom zahnärztlichen Team.
Kommunikation
Prophylaktische Gesprächsfähigkeiten sind für Zahnarzt und
Prophylaxe-Assistentin gleichermaßen wichtig. Kommunikative Aufgaben des
Zahnarztes beziehungsweise der Zahnärztin sind
- die Auswahl und die Erstansprache des Patienten,
- die Erhebung der allgemeinen Anamnese,
- die Rückmeldung des Befundes und des Risikos,
- die Motivierung zur Vorsorge und Herbeiführung
einer gemeinsamen Entscheidung,
- die praxisinterne Delegation zur
Prophylaxe-Assistentin,
- später: die Überprüfung des Prophylaxeerfolges mit
Ermunterung oder Remotivierung.
Psychologische Aufgaben der Prophylaxe-Assistentin
(ZMP) sind
- Begrüßung mit Beziehungs- und Vertrauensaufbau,
- Erhebung der Mundpflegeanamnese mit Einschätzung
des derzeitigen Standes des Mundgesundheitsbewusstseins und der
Mitarbeitsbereitschaft,
- Rückmeldung zu geben über die Pflegefähigkeiten
und -defizite,
- den Patienten zu notwendigen präventiven Maßnahmen
zu motivieren,
- notwendige Kenntnisse effektiv zu vermitteln,
- Pflegefertigkeiten (Zahnbürsttechnik und
-systematik, Zahnseide u.a.) effektiv anzuleiten,
- den Prophylaxeerfolg zu überwachen und den
Behandlungsfortgang entsprechend der Compliance des Patienten (in
Absprache mit dem Zahnarzt) zu bestimmen.
Um diese spezifisch-psychologischen Aufgaben
kompetent wahrnehmen zu können, sind sowohl für den Zahnarzt als auch
für die Prophylaxe-Assistentin einige grundlegende Regeln der
Kommunikationspsychologie zu beachten:
- richtig zuhören können ("aktives Zuhören"),
- auf den Patienten wirklich eingehen können
(Empathie zeigen),
- den Patienten - auch mit Fehlern - respektieren
lernen,
- mal direktiv und arztzentriert, meist aber
non-direktiv und patientenzentriert vorgehen,
- Störungen, Ablehnung und Widerstände erkennen und
aufgreifen können,
- richtig Rückmeldungen (Feedback) geben können.
Dies mag vielen Zahnärzten ungewohnt und zuviel
erscheinen, es ist aber, einmal richtig gelernt, nicht so zeitraubend
und anstrengend wie man vielleicht zunächst vermutet (Ausführungen
hierzu s. Schneller 1998-2000 sowie den Lehrfilm von Schneller und
Basting 1996).
An dieser Stelle kann nur beispielhaft auf einen oft beobachteten Fehler
im Zusammenhang mit der prophylaktischen Leistungserbringung hingewiesen
werden: Sowohl Zahnärzte wie auch Zahnarzthelferinnen führen fachliche
Gespräche oft direktiv und arztzentriert, indem sie selbst die Themen
vorgeben und nach eigenem Ermessen wechseln, geschlossene (statt offene)
Fragen stellen, den Patienten unterbrechen, Empfehlungen und Anweisungen
geben, auf Fragen und Zweifel des Patienten kaum eingehen und ihn in
ihre Überlegungen und Entscheidungen bezüglich der zu treffenden
Maßnahmen nicht einbeziehen. Motto: "Wir wissen schon, was richtig für
Sie ist!"
Patientenzentriertes Arztverhalten gibt dem Patienten die Möglichkeit,
Gegenstand und Ablauf der Konsultation weitgehend mitzubestimmen. Der
Zahnarzt verwendet vorwiegend offene Fragen, ermutigt den Patienten,
sein Anliegen und seine Ansichten in seinen eigenen Worten vorzubringen,
unterbricht ihn möglichst nicht und bemüht sich, die Vorstellungen des
Patienten über das weitere Vorgehen zu erfahren und bei der
Entscheidungsfindung zu berücksichtigen ).
Verschiedene Studien belegen, dass ein patientenzentriertes Vorgehen die
Mitarbeit des Patienten erhöht, die Zufriedenheit des Patienten steigert
und Behandlungsabbrüche und Praxiswechsel unwahrscheinlicher macht.
Dr. Thomas Schneller, Dipl.-Psych.
Medizinische Hochschule Hannover
Arbeitsbereich Zahnmedizinische Psychologie (OE 5430)
Carl-Neuberg-Straße. 1,
30625 Hannover
Quelle: Zahnärztliche Mitteilungen,
zm 12/2001, Seite 46 |
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